Konzeptionelle Ausgangslage
Die gegenwärtige Lebensrealität junger Menschen ist geprägt von Wandel – von großen Chancen einerseits, aber auch von großen Herausforderungen. Eine Zeit, in der die Klimakrise in ihrer globalen Dimension dringendes Handeln erfordert und in der eine fortschreitende Digitalisierung den individuellen Einflussbereich zunehmend erweitert, verlangt hohes Verantwortungsbewusstsein von Jugendlichen und jungen Erwachsenen.
Aus dieser Verantwortung heraus erwächst der Wunsch vieler junger Menschen, sich Gehör zu verschaffen, ihre Bedürfnisse zu formulieren und sich an Transformations-Prozessen und zivilgesellschaftlichen Graswurzel-Initiativen zu beteiligen. Meist werden etablierte politische Entscheidungsstrukturen dabei jedoch als zu schwerfällig und unbeweglich wahrgenommen – Beteiligungsprozesse sind umständlich und das Gefühl, in den eigenen Bedürfnissen nicht wahrgenommen zu werden, wächst.
In dieser Orientierungsphase junger Menschen sehen wir als Träger der politischen Bildung, der mit non-formalen Methoden arbeitet, gerade in der Bildung für nachhaltige Entwicklung gute Chancen, die Lücke zwischen „Selbstorganisation“ und „formalen Bildungsprozessen“ zu schließen. Partizipative und ganzheitlich ausgerichtete Bildungsformate ermöglichen dabei die Gestaltung der gesellschaftlichen und eigenen Lebensbedingungen, unterstützen die Suche nach tragfähigen Lebens- und Weltentwürfen und bestätigen die Jugendlichen in ihrem gesellschaftlichen Engagement.
Ziele, Lern- und Bildungschancen
Nicht erst mit der globalen politischen Auseinandersetzung zur Bildung nachhaltiger Entwicklung durch die Formulierung der Sustainable Development Goals (SDGs) und ihrer programmatischen Ausformulierung in der Agenda 2030 entwickelt sich zunehmend auch ein zivilgesellschaftliches Bewusstsein für den Bedarf nach einem drastischen gesellschaftlichen Wandel.
Leitfiguren wie Greta Thunberg oder Luisa Neubauer und die Fridays for Future Bewegung machen medial präsent auf wissenschaftliche Erkenntnisse aufmerksam, die eigentlich seit langem bekannt und extrem besorgniserregend sind. Obwohl diese Informationen leicht zugänglich sind, gibt es trotzdem keine breite Akzeptanz für Nachhaltigkeitsziele, Fakten werden ignoriert, geleugnet oder verharmlost und eine große, gesellschaftliche Veränderung bleibt aus. Gründe dafür liegen zum einen in der Komplexität und der globalen Dimension dieser Themen, die häufig mit schwer greifbaren Schreckensszenarien einhergehen. Andererseits fehlen oft Zugänge, Handlungs- und Gestaltungskompetenzen oder gleichgesinnte Peers, um das sogenannte Mind-Behaviour-Gap zu überwinden und vom Wissen ins Handeln zu kommen.
Ziel des Projekts „Anderswelt“ ist es daher, themenbezogene Lern- und Erfahrungsräume zu schaffen, die es Jugendlichen und jungen Erwachsenen ermöglichen, sich aktiv zu beteiligen und gleichzeitig ihre Alltagsroutinen sowie gesellschaftlich erlernten Verhaltensweisen kritisch zu beleuchten und bewusst in Frage zu stellen. Dabei geht es nur zweitrangig um die kognitive Weitergabe von Inhalten und Fakten – vielmehr stehen ganzheitliche
Bildungsprozesse im Vordergrund, die sinnliche Erfahrungen bieten, emotional berühren und intellektuell anspruchsvoll sind. In Bildungsrollenspielen, szenischen Experimenten sowie thematischen Medien- und Praxisworkshops geht es darum, sich selbst in Beziehung zu den Zielen nachhaltiger Entwicklung zu setzen, und dabei Narrative zu finden, die einen individuellen Zugang ermöglichen. Das Einnehmen verschiedener Standpunkte und Perspektiven ermöglicht zudem einen distanzierten Blickwinkel auf das eigene Verhalten vor dem Hintergrund individueller und kultureller Leitsätze.
Das Projekt „Anderswelt“ verhandelt die Fragen: „Wie sieht ein gutes Leben für alle aus?“ und „Wie kann mein individuelles Handeln zu einem nachhaltigen Wandel der Gesellschaft beitragen?“ in ergebnisoffenen Bildungsszenarien und Workshops. Hierbei gilt es, Jugendliche im Kontext einer multikulturellen, multireligiösen und multiethnischen Gesellschaft differenzsensibel zu erreichen und dabei ihre unterschiedlichen individuellen Lebenserfahrungen und -verläufe, Einstellungen, Handlungsnormen, Wünsche, Hoffnungen, Bedürfnisse und Interessen auf Grundlage von sozialer Lage, sexueller Orientierung, ethnischer, religiöser, nationaler sowie geschlechtsspezifischer Zugehörigkeit zu berücksichtigen. Das Ziel des Projekts besteht darin, Jugendliche und
jungen Erwachsene in ihren spezifischen Bedürfnissen und Interessen ernst zu nehmen, sie in ihren Lebenswelten zu erreichen und sie bei Erkenntnis- und Aneignungsprozessen reflexiv zu begleiten sowie sie bei der Suche nach nachhaltigen und tragfähigen Lebens- und Weltentwürfen zu unterstützen.
Träger, Arbeitsumfeld und Zielgruppen
Durch die Ursprünge der „Waldritter“ mit erlebnispädagogischen und naturpädagogischen Angeboten ist Nachhaltigkeit von Anfang an ein Querschnittsthema der eigenen Bildungsarbeit. Dies äußerst sich beispielsweise im Betrieb von drei Naturerfahrungszeltplätzen, einem Team mit mehreren Natur- und Umweltpädagog*innen, dem Engagement in Umweltverbänden wie der Arbeitsgemeinschaft Natur- und Umweltbildung oder den KlimaWelten in Hilchenbach und der Auseinandersetzung mit nachhaltigen Lern- und Bildungsorten, wie dem Kreativ.Campus, der unter anderem durch großformatige Solarpanels mit Strom versorgt wird. Durch ihre heterogene Struktur sind die Waldritter breit aufgestellt, was Zielgruppen und Netzwerke angeht. Die Angebote des Projekts „Anderswelt“ können daher in Kooperation mit den in ganz Deutschland verteilten Gruppen und ehrenamtlichen Helfer*innen vor Ort entwickelt und erprobt werden. Hierfür wird auf regionaler Ebene mit Akteur*innen der Klimabewegung, wie Transition, Fridays for Future und Klimanetzwerken, aber auch Jugendparlamenten und Initiativen für Vielfalt und globales Lernen kooperiert, zu denen beispielsweise in Siegen, Herten, Westerwald und der südlichen Pfalz bereits gute Beziehungen bestehen. Im Sinne einer konnektiven Bildung ist das Projekt eingebettet in lokale und überregionale Bildungslandschaften. Daher wird ein Austausch mit Akteuer*innen der Bildung nachhaltiger Entwicklung aus Natur- und Umweltbildungsnetzwerken einerseits und Train-the-Trainers Angebote zu Best-Practice Erfahrungen andererseits angestrebt. Gemeinsam werden spezielle
Konzepte für eine erlebnisorientierte und niederschwellige Ansprache von jungen Menschen entwickelt, die bisher von klassischen Nachhaltigkeits-Bildungsangeboten wenig erreicht werden.
Handlungsansatz und Bildungsformate
Das Projekt „Anderswelt“ beinhaltet drei zentrale Aspekte: „anders denken“, „anders handeln“ und „anders sein“.
„Anders denken“ steht für die Entwicklung und Umsetzung von neuen Lern- und Bildungsformen, die Lust machen und kognitive Zugänge durch emotionale und affektive Lernformen ergänzen und bereichern. Vor dem Hintergrund freiwilliger Angebote im Feld der außerschulischen, politischen Bildung bedeutet dies methodisch vor allem mit non-formalen Formaten, wie Liverollenspielen, Drama Games oder Alternate Reality Games zu arbeiten – also storybasierten
und cross-medialen Handlungsansätzen, aber auch mit erfahrungsbasierten Angeboten und Workshops in der Natur oder in Form von Urban Gardening. Der Vorteil dieser Methoden ist ein hoher Erlebnis- und Eventcharakter, der eine hohe Motivation schafft, sich zu beteiligen. Durch ihren hohen Partizipations- und Interaktionsgrad stellen sie zudem einen thematischen Rahmen dar, der viel Freiraum für Selbstwahrnehmungs- und -Bildungsprozesse bietet.
Die Qualität dieses spielerischen Ansatzes liegt dabei weniger in der Formulierung konkreter Zukunftsszenarien, als vielmehr im Erwerb von Handlungskompetenzen, um gegenwärtige Entwicklungen kritisch zu hinterfragen, alternative Perspektiven einzunehmen, Strukturen zu identifizieren und sie auf ihre Anwendbarkeit hin zu überprüfen. Um die Spielinhalte möglichst eng in die Lebenswelt der jeweiligen Zielgruppen einzubinden, ist ein
durchgängiger Beteiligungsprozess von Jugendlichen und Peers von der Vorbereitung, über das spielerische Angebot bis hinein in den anschließenden reflexiven Prozess vorgesehen. Eine offene, wertschätzende und fehlertolerante Atmosphäre sowie die Einbeziehung der jungen Menschen in Entscheidungen und Aushandlungsprozesse bilden die Basis für einen gemeinsamen Lernprozess auf Augenhöhe.
„Anders handeln“ steht für den Erwerb und die Erprobung von persönlichen Gestaltungs- und Handlungskompetenzen im Verlauf der Bildungsangebote. Dabei geht es zunächst darum, zu erkennen, welchen Einfluss das individuelle Handeln für die Gesellschaft hat. Mit dem Erkennen der eigenen Handlungsmacht und Selbstwirksamkeit wird ein Aushandlungsprozess angestoßen und gemeinsam erörtert, wie man die veränderte
Sicht- und Denkweise in ein verändertes Handeln transformieren kann. Dabei geht es um das Anpassen eigener Routinen und Handlungsweisen, das Kennenlernen und Erproben guter Praxisbeispiele, aber vor allem auch um ein Empowerment durch das gemeinsame Tun. Hierbei soll auch die Auseinandersetzung mit (politischen) Entscheidungs- und Machtstrukturen, die Begegnung mit lokalen Entscheidungsträger*innen sowie mit erfahrenen Netzwerkakteur*innen eine Rolle spielen. Das Projekt versucht dafür, über einen längeren Zeitraum und in verschiedenen Projektaktivitäten langfristig mit jungen Menschen zusammenzuarbeiten, und sie wiederum auch in den Transfer der Methoden an neue Projektgruppen einzubinden.
„Anders sein“ bezieht sich zunächst auf das angestrebte Projektergebnis: junge Menschen sollen selbstständig, empathisch und mit einer differenzierten Perspektive auf Strukturen kritisch und selbstbewusst handeln können. Gleichzeitig bezieht es sich auf die organisatorische Rahmung des Projekts: Teilnehmende sollen einen geschützten Rahmen erfahren, in dem sie sich ausprobieren und lernen dürfen, in dem sie empathisch für Gemeinsamkeiten sein
sollen, aber eben auch „anders sein“ dürfen. Es sollen Formate gestaltet und entwickelt werden, die an die Lebenswirklichkeit junger Menschen anknüpfen, die digitale und hybride Möglichkeiten nutzen, dabei aber auch nicht-nachhaltige Entwicklungen und Mitbestimmungsprozesse des digitalen Raumes kritisch in Frage stellen. Es soll mit kurzfristigen, offenen Angeboten experimentiert werden, vorrangig aber mit Formaten, die über mehrere Projektteile verbunden sind. Das Projekt soll Lust auf Lernen, Spielen, Ausprobieren und Selbstwahrnehmung machen, dabei aber auch Sinnhaftigkeit und Wirkung beinhalten. Nicht zuletzt soll auch das eigene, institutionelle Wirken im Sinne der Nachhaltigkeit bei der Durchführung und Ausgestaltung hinterfragt werden. „Anders sein“ soll auch die Darstellung des Projekts und des eigenen Handelns. Dem sozialen Umfeld die eigenen, veränderten Handlungsweisen zu vermitteln hilft dabei, sich als Teil einer globalen Transformation zu verstehen, um Sichtbarmachung und Veränderung auch im eigenen Umfeld anzustoßen.
Geplante Maßnahmen
Im Rahmen des Projekts werden bundesweit Bildungslarps, Seminare, Workshops und interaktive Spielformate vor Ort durchgeführt. Es sind frei ausgeschriebene Veranstaltungen sowie Kooperationsprojekte mit Vereinen, der offenen Jugendarbeit, Jugendverbänden sowie anderen (AdB-)Bildungsstätten geplant.
Ein wesentlicher Bestandteil des Projekts „Anderswelt“ sind jährlich zwei Workshops zur Entwicklung und Erschließung innovativer, erfahrungs- und erlebnisorientierter Bildungsformate, zum Teil in Kooperation mit externen Expert*innen oder Netzwerkpartnerschaften. Diese werden zusammen mit der Präsentation der Projektergebnisse auf einer Projektwebseite und in sozialen Medien in gut dokumentierten Formaten veröffentlicht, und können so auch von anderen Bildner*innen in ihrer Arbeit genutzt werden.
Konzeptionell sind hier Bildungslarps geplant, die mit niederschwelligen Zugängen eine neue Perspektive auf die Klimakrise vermitteln, etwa aus der Perspektive einer zukünftigen Erde (mit nur noch wenigen Menschen oder Androiden) oder als Adaption von themennahen Filmen, TV-Serien oder Romanen wie beispielsweise den „Carbon Diaries“, einem Jugendbuch was davon handelt, dass in England flächendeckend Energierationalisierungen eingeführt werden und wie sich dies auf das Alltagsleben der jugendlichen Protagonist*innen auswirkt. Auch kürzere Drama Games sollen genutzt werden, die mit wenig Requisiten zügig einen themenbezogenen Rollenkonflikt entwickeln – etwa die Auseinandersetzung zwischen Autofahrer*innen und Umweltaktivist*innen, die im Rahmen einer Protestaktion eine viel befahrene Straße blockieren oder eine kontroverse Diskussionen bei der Vorbereitung einer Demonstration. Gute Ansätze sehen wir für den Einsatz von Alternate Reality Games, gerade um das Spannungsfeld von Handlungsbedarf, zivilem Ungehorsam und Strafrecht erfahrbar zu machen, in dem sich beispielsweise Extinction Rebellion oder ähnliche Aktionsgruppen bewegen. Allegorische Spiele in Märchenwelten oder postapokalyptischen Staaten sind ebenfalls denkbar, die verhandeln, wie ein Zusammenleben aussehen könnte, wenn es die üblichen gesellschaftlichen Konventionen nicht gäbe. Geplant sind zudem internationale Begegnungen und Dialogveranstaltungen mit Expert*innen zu Themen der Bildung nachhaltiger Entwicklung von den KlimaWelten in Hilchenbach.
Inhaltlich werden wir uns einer breiten Vielfalt von Themen annehmen und damit eng mit Netzwerkpartnerschaften und Expert*innen zusammenarbeiten. Schwerpunkte werden dabei vor allem die Themen sein, die eng mit der Lebenswirklichkeit der Jugendlichen verknüpft sind, also Mobilität, Ernährung und Kleidung, aber auch nachhaltige Zukunftsperspektiven und globale Gerechtigkeit. Unter anderem wird es dabei um die Auseinandersetzung mit medialen Narrativen, sowie Macht- und Einflussstrukturen gehen, aber auch um die Entwicklung individueller Handlungsansätze für das lokale Umfeld oder die eigene Einrichtung. Die Jugendbildungsreferent*innen verstehen wir in diesen Prozessen als Bildungsbegleiter*innen, die mit ihren Angeboten Impulse setzen, um Selbst-Bildung zu ermöglichen. Zugleich sind sie Vorbilder, die in der inklusiven, selbstverwalteten Organisationsstruktur des Waldritter e.V. Selbstwirksamkeit erfahren und diese den Teilnehmenden authentisch vorleben und vermitteln können. Eine anerkennende und wertschätzende Grundhaltung im Miteinander aller Beteiligten ist vorausgesetzt. Die Prozessorientierung in den Veranstaltungen ermöglicht ein hohes Maß an Mitwirkungs- und Mitgestaltungsmöglichkeiten durch die Teilnehmenden – sowohl in Bezug auf die Inhalte als auch auf die Methoden.
Evaluation, Teamstruktur und fachlicher Austausch
Unsere Referent*innen und ehrenamtlichen Helfer*innen werden stetig weitergebildet – sowohl in eigenen Fortbildungsangeboten als auch mit externen Fort- und Weiterbildungen. Durch die enge Vernetzung mit anderen Trägern und Institutionen der Jugendbildung werden viele Konzepte in Kooperation durchgeführt. Auf Fachtagungen, Bildungsmessen, teils internationalen Konferenzen, BarCamps, Multiplikator*innen- und Hochschul-Seminaren sowie in Fachpublikationen werden die Methoden und Erfahrungen verbreitet und mit Fachleuten diskutiert. Abschlussreflexionen der Teilnehmer*innen sowie standardisierte Feedback- und Rückmeldeverfahren werden nach jedem Seminar qualitativ und quantitativ ausgewertet. Die Ergebnisse fließen in die Konzeption neuer Veranstaltungen ein. Anregungen werden aufgenommen und in Qualitätsmanagementprozesse rückgeführt, um die Arbeit stetig zu verbessern. Einmal im Jahr werden die Ergebnisse und Rückmeldungen zusätzlich auf einer Klausurtagung gemeinsam mit den hauptamtlichen und nebenberuflichen Referent*innen ausgewertet.

Waldritter, 2023
